Tag Archiv für Reiter von Madara

11.Tag in Bulgarien: Madara, Veliko Tarnovo

Die Tage am Schwarzen Meer sind vorbei, ab heute geht es wieder zurück in die generelle Richtung Sofia. Im Frühstücksraum kommt Dirk der Angestellte, der gestern das Brot nicht toasten wollte, direkt freudestrahlend entgegen: "We will toast your bread!" 🙂
Nach dem Frühstück packen wir fertig, ich bezahle das Handtuch, daß ich versehentlich an einer Lampe angekokelt habe, dann verabschieden wir uns und machen uns auf den Weg.

Die Fahrt nach Madara, genauer: zu dem Archäologischen Komplex von Madara dauert nicht sehr lange. An der Autobahn gibt es eine Ausschilderung, danach sind die Hinweise auf diese wichtige archäologische Stätte vergleichsweise dürftig.
Das Bedeutenste an Madara ist das Felsenrelief des Reiters, von dem wir ja schon eine Kopie in Sofia gesehen haben. Die ersten Stationen unseres Rundwegs sind jedoch einige Höhlen, die bereits im Neolithikum bewohnt wurden. Eine der Höhlen, die eher eine überhängende Felswand ist und in der man Zeugnisse menschlicher Nutzung aus thrakischer Zeit bis hin zu türkischen Tonpfeifen gefunden hat, wird heute wegen ihrer Akkustik gelegentlich für klassische Konzerte genutzt. Wir kommen  hier mit einer kleinen Gruppe Deutscher und Bulgaren ins Gespräch und photographieren uns gegenseitig. (Die – sehr gut Deutsch sprechende – Bulgarin findet es mutig von uns, so alleine durch Bulgarien zu reisen. Wir fragen uns, warum eigentlich, die anderen sind ja offensichtlich auch privat in einer nur kleinen Gruppe unterwegs.)
Danach führt der Weg weiter zu besagtem Felsenrelief eines Reiters in annähernd Lebensgröße, das dort, in 20 Metern Höhe, vermutlich Anfang des 8. Jahrhunderts in die steile Felswand gemeißelt wurde. Dieses einzige derartige frühmittelalterliche Monumentalrelief Europas, das früher überputzt und sicherlich farbig gestaltet war, wurde vermutlich zur Ehrung des Khans Tervel gefertigt, der Anfang des 8. Jahrhunderts erfolgreich für die Festigung und Ausweitung des Ersten Bulgarischen Reiches gekämpft hatte. Während ich das aus unserem Baedecker vortrage, liest der Mann drüben auf der anderen Bank seiner Frau bestimmt gerade aus dem Baedecker, den er in der Hand hält, genau die gleiche Stelle vor. 🙂
Das Relief ist hier übrigens besser zu sehen, als in der Kopie in Sofia.

Die dritte Station, eine Festung hoch oben auf den Felsen oberhalb des Reiters, deren Anfänge im 5. Jahrhundert liegen, besucht Dirk alleine, weil ich die zahllosen ziemlich hohen Stufen meinem Arthrosegelenk nicht antun will. Der Marsch zum Aladscha-Kloster gestern und zurück hat schon gereicht. Ich warte solange in ziemlich dürftigem Schatten, der nur bedingt vor der sengenden Sonne schützt, schreibe diesen Text bis zu dieser Stelle und leide in Gedanken mit denjenigen mit, die sich bei diesen Temperaturen da hoch quälen. Der Ausblick über das Dorf Madara und die Donau-Ebene ist auch von der Stelle, bis zu der ich mitgekommen bin, schon ziemlich klasse. (Brilliantes Timing: In diesem Moment kommt Dirk wieder hier unten an. Er sagt, die Kraxelei hat sich gelohnt, bin gespannt auf die Photos.)
Den Abschluß des Rundgangs bilden einige heidnische Kultstätten und Fundamentreste u. a. einer Basilika, die über einer dieser Stätten errichtet wurde, aber wir können nicht so richtig erkennen, was was ist. Einer Legende zufolge kann man Energie aufladen, wenn man bei einer der Kultstätten im Morgengrauen barfuß durchs Gras läuft, wir beschließen aber, trotzdem heute weiterzufahren. 🙂
Nach kurzem überlegen entscheiden wir, nicht direkt nach Kasanlak zu fahren, sondern erst Veliko Tarnovo, der vierten Hauptstadt Bulgariens im Laufe seiner bewegten Geschichte, einen Besuch abzustatten und uns dort ein Hotel zu suchen. Sie soll eine der reizvollsten Städte Bulgariens sein, und auf einem ihrer drei Hügel sollen substantielle Reste einer mittelalterliche Feste erhalten sein.

Auf der Fahrt dorthin sehen wir immer wieder Kühe, auch mal einen Esel, die weder eingezäunt noch angebunden und unbeaufsichtigt direkt neben der Straße grasen – und zwar durchaus auch an stärker befahrenen Landstraßen!
Unser Navi führt uns über zum Teil etwas abenteuerliche Straßen. Einmal sitzen ein Stück jenseits eines Dorfes ein paar Leute im Schatten eines Baumes – mitten auf unserer Seite der Fahrbahn! Offenbar fahren hier nicht sehr viele Wagen entlang. Bald wissen wir auch, warum: kurz darauf ist die Fahrbahn dermaßen durchlöchert, daß wir nur noch Schlangenlinien fahren können – und zwar gaaaanz langsam. Schrittempo ist fast schon zu viel.
Auch die weiteren Straßen werden wieder von den üblichen Schlaglöchern geziert, die aber teilweise im Spiel von Licht und Schatten, das die Sonne durch die Äste der am Straßenrand stehenden Bäume auf den Asphalt wirft, praktisch nicht zu erkennen sind, was dem Auto ein paar heftige Schläge einträgt.
Einer der Höhepunkte auf dieser Fahrt ist ein Dorf, das mehrere Storchenpaare und ihren Nachwuchs beherbergt. Alleine an der Straße, auf der wir den Ort passieren, sehen wir auf den Masten der Straßenbeleuchtung vier Nester mit den fast ausgewachsenen Jungvögeln und manchmal auch einem Elternteil.
Und wieder fällt uns auf, wie wenige alte Burgen und Festungen es in Bulgarien gibt im Vergleich zu Deutschland. Dirk kommt der einleuchtend klingende Gedanke, daß das vermutlich an der ein halbes Jahrtausend währenden Zugehörigkeit zum riesigen, zentral regierten osmanischen Reich liegt, die ja bis zum Ende des 19. Jahrhunderts währte. Hier brauchte nicht jedes Kleinfürstentum seine eigenen Festen für die Verteidigung gegen die benachbarten anderen Kleinfürstentümer, wie es in deutschen Landen lange Zeit der Fall war.

Auf dem letzten Teil der Strecke nehmen wir ein junges Paar mit, das mit uns bis Tarnovo fährt, um von da noch die 110 km bis Russe weiter zu trampen. Die beiden sind sehr nett, wobei nur er spricht, weil sie sich wegen ihres Englisch nicht traut. Wir erzählen ein bißchen, wo wir gewesen sind, er gibt uns ein paar Tips, was wir anschauen sollten und wie man richtig danke sagt :-), und wir unterhalten über andere Länder, in denen wir gewesen sind. Er ist Kontrabass-Spieler und hat in Tarnovo Musik studiert, wie sich herausstellt.

In Tarnovo setzen wir die beiden ab und versuchen dann, das Hostel zu finden, daß der junge Mann uns empfohlen hat, aber er wußte den Namen nicht mehr, und in der fraglichen Straße reiht sich ein Hotel an das nächste. Das vom Baedecker empfohlene günstige Hotel liegt in einem Viertel, in dem uns die Wahrscheinlichkeit, unser Auto am nächsten Tag heil wiederzufinden, nicht groß genug scheint. Wir entscheiden uns schließlich für das "Hotel Real", das die wichtigen Vorzüge Klimaanlage, Frühstück und eine abgetrennte Duschkabine (!) bietet. 🙂 Außerdem ist es ganz neu und hat W-LAN, aber letzteres hatten, bis auf unsere Unterkunft in Bansko, alle Hotels. Und es liegt absolut zentral. Eine endgültige Beurteilung gibt es morgen von Dirk, wenn wir gefrühstückt haben.
Was freies W-LAN angeht, ist Bulgarien übrigens noch ein Paradies. Wir haben bisher in den meisten Restaurants und in vielen Straßen ein offenes W-LAN vorgefunden.
Nachdem wir eingecheckt und uns geduscht haben, gehen wir noch durch ein paar Straßen der Altstadt, die teilweise – für bulgarische Verhältnisse – ziemlich gut saniert sind. Besonders hübsch ist die "Samovodska Tscharschija", die älteste Handelsstraße der Stadt, in der man tagsüber Werkstätten und Geschäfte des 19. Jahrhunderts besichtigen kann. Jetzt allerdings sind die Läden alle schon geschlossen, und morgen werden wir vermutlich leider auch nicht mehr dazu kommen. Insgesamt gewinnen wir heute Abend den Eindruck einer Stadt mit einem sehr lebendigen Flair, die uns von allen bisher besuchten am besten gefällt. Hier wollen wir bei Gelegenheit mehr Zeit verbringen.
Wir suchen uns für unser Abendessen ein Lokal, wo man draußen sitzen kann. Dort entdecken wir auch endlich die  Pflanze, deren intensiver Duft uns schon in Plovdiv an allen Ecken und Enden aufgefallen war, ohne daß wir den Verursacher identifizieren konnten: Es handelt sich um eine Linde, deren Blüten optisch so unauffällig sind (Lindenblüte eben), daß man sie nicht automatisch mit diesem alles übertönenden Duft in Verbindung bringt.
Danach ist es Zeit fürs Bett, denn wir sind beide müde.

3.Tag Bulgarien: Sofia, Rilski-Kloster, Bansko

Nach dem Auschecken aus dem Hotel haben wir zunächst versucht, eine Post zu finden, damit Karin einen Geburtstagsgruß als Brief wegschicken kann (die Rezeptionistinnen im Hotel Niky wußten das Briefporto nicht). Das haben wir aber schnell aufgegeben, da rund um die Postfiliale das absolute Verkehrschaos mit ausgiebigen Hupkonzerten herrschte und bei uns noch keine ausreichende Anpassung an die bulgarischen Verkehrsgewohnheiten stattgefunden hat.
Deshalb sind wir gar nicht erst ausgestiegen, sondern sind zum National-archäologischen Museum weitergefahren. Auch wenn der Führer das Museum nur wegen der Kopie des Reiters von Madara empfiehlt, der dort halbwegs aus der Nähe betrachtet werden kann (was sich dann als immer noch recht suboptimal rausstellte, da die Kopie an der Stirnwand im 1.Stock angebracht ist, auf die eine breitere Treppe hinführt, die dann aber leider doch nicht bis ganz oben führt, sondern am Ende nach beiden Seiten parallel zur Stirnwand abknickt. Dadurch steht man immer mehr oder weniger unterhalb des Reiters und holt sich eine Genickstarre). Trotzdem kann man ihn hier sicherlich sehr viel besser sehen als am Orginalstandort. Aber die Funde aus römischer, thrakischer und Stein- und Bronzezeit sind IMHO sehr viel interessanter. Insgesamt ist das Museum definitiv einen Besuch wert!

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Als wir das Museum verlassen haben, war es schon kurz vor 13h und wir mußten uns sputen, wenn wir an dem Tag noch was anderes erleben wollten. Als erster und nächster Punkt auf unserer Besichtigungsliste stand das Rilski-Kloster. Die Fahrt dahin ging erstmal durch die Außenbezirke von Sofia und die Straßen waren immer noch grausam wie in der Sofioter Innenstadt. Da ich mich über die Straßen in Sofia noch nicht ausgelassen habe, schnell ein kurzer Exkurs dazu: Schon bei der Übernahme des Wagens wurde ich darüber informiert, daß die Straßen in Sofia deutlich schlechter wären als im Rest des Landes. Und die Straßen in Sofia sind wirklich sehr, sehr schlecht. Man muß tatsächlich beim Fahren permanent aufpassen, ansonsten knallt es unweigerlich Sekunden später unter dem Auto. Und einige Schlaglöcher sind so groß und tief, daß man eine Großfamilie Meerschweinchen drin halten kann. Dazu kommt, daß die Bulgaren die meisten Verkehrsvorschriften eher als nette Märchen ansehen. Da wird eigentlich nie geblinkt, permanent über zwei Fahrspuren gefahren, Motorräder quer über den Bürgersteig und Autos in Verlängerung einer Bürgersteigecke mitten in die Kreuzung hinein geparkt. Aber auch alle anderen Verkehrteilnehmer interpretieren die Vehrkehrsregeln ziemlich frei. So haben wir am ersten Tag in Sofia mehrere Personen seelenruhig am Rand der Autobahn entlangspazieren sehen. Und auch Pferdekarren nutzen hier ganz selbstverständlich die Autobahn. Aber im Gegensatz zu Sofia und ebenfalls von dem Mitarbeiter von Europcar angekündigt sind die Straßen im restlichen Land (soweit wir das jetzt schon beurteilen können) deutlich besser (Ausnahme: um Mellnik herum). Ende des Exkurses zu den Straßenverhältnissen. Wir sind also auf den besser werdenden Straßen von Sofia bis hinter Rila zum Rilski-Kloster gefahren. Das Kloster ist schon von seiner Lage am Ende eines langen Tales sehr beeindruckend. Aber wenn man dann durch das Tor geht und die gesamte Anlage aus Turm und Kirche in der Mitte und den eigentlichen Klostergebäuden als eine Art 5-Eck drumherum sieht, dann kann einem schon mal ein ehrliches Wow entfahren. Die Kirche ist wieder sehr duster und ansonsten nichts außergwöhnliches und den Turm kann man leider nicht besteigen, aber die Kirche ist auch außen an den von einem breiten Dach geschützten Wänden bemalt, und das dazu noch sehr farbenfroh. Und dazu kommt die Streifenbemalung der restlichen Außenwände der Kirche und die Größe und das Fachwerk des eigentlichen Klosters. Das Museum ist ganz nett und man kann es sich antun, aber wirklich wichtige Informationen oder Ausstellungsstücke findet man dort nicht. Das Interessanteste sind sicherlich die ausgestellten Waffen der Wachen aus dem 18. Und 19. Jahrhundert. Nach dem Klostermuseum haben wir noch Postkarten gekauft und uns dann wieder auf den Weg gemacht. Wir wußten nicht, wie weit wir noch kommen und so haben wir entweder Blagoevgrad oder Bansko als mögliche Orte zum Übernachten ins Auge gefaßt. Die Fahrt nach Blagoevgrad ging sehr fix, so daß wir nach Bansko weitergefahren sind und uns darauf gefreut haben, am nächsten Morgen in den Bergen aufzuwachen. Die Fahrt von Blagoevgrad nach Bansko war auch zunächst vielversprechend. Aber wir landeten schließlich in einem gigantischen Talkessel und Bansko stellte sich als große Baustelle und Retortenstadt neben der Altstadt heraus. Fast alle Hotels hatten geschlossen, so daß wir schon damit gerechnet haben, möglicherweise für diese Übernachtung deutlich mehr zu bezahlen. Wir waren dann froh, als wir in einem Eingang jemanden stehen sahen und haben wir sofort angehalten. Und wir waren ziemlich happy, als wir ein Zimmer im Hotel Hadji Georgi bekamen und waren dazu noch sehr angenehm vom Zimmerpreis überrascht (30 Lev = ~15€). Das Zimmer war zwar sehr einfacher Art und in der Saison sicherlich nur für Partyverrückte erstrebenswert, da es direkten Zugang zum Biergarten hinter dem Hotel hatte (außerdem fehlte im Bad der Duschvorhang und man setzte beim Duschen das gesamte Bad unter Wasser), aber alle Mängel machte die nette Besitzerin wieder wett, mit der wir uns beim Abendessen und danach ausgiebig unterhalten haben. Sie hat uns schon vor dem Essen zum einem großen Schluck von ihrem Mann (der leider kein Wort Englisch sprach) selbstgebrannten Rakhia (der Begriff ist jetzt eine rein akustische Schreibung nach meinem Gedächtnis) eingeladen, von dem wir dann auch noch eine Flasche mitgenommen haben. Der Abstecher nach Bansko von ca. 30km hat sich alleine für dieses Kennenlernen gelohnt und zeigt mal wieder die Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit der Bulgaren. Posted from WordPress for Android on SE Xperia X10 mini pro