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13./14.Tag Bulgarien: Kasanlak, Fahrt Richtung Sofia, Abflug

Heute ist unser letzter vollständiger Tag in Bulgarien – unglaublich, wie schnell zwei Wochen vergehen können! Unser Frühstück können wir leider nicht an einem der vielen freien Tische auf der Terrasse einnehmen, weil es für drinnen vorgesehen ist – na ja, immerhin gibt es eines. Anschließend geben wir noch unseren Schlüssel ab (bezahlt haben wir schon am Vorabend), dann machen wir uns auf die Suche nach dem Historischen Museum in der Ulitza Iskra. Offensichtlich sind die Ausschilderungen von Straßen (wie übrigens auch die sichtbare Darstellung von Hausnummern) in dieser Stadt etwas für Weichlinge, weshalb man komplett darauf verzichtet. Aber Dirk hat glücklicherweise Open Streetmap für Bulgarien aufs Handy geladen, sodaß wir nach einiger Zeit fündig werden.

Das Museum stellt sich als sehr interessant heraus. Es gibt Fundstücke aus allen Epochen, aber das Herzstück ist die Ausstellung zweier Grabfunde aus dem Jahr 2004 im „Tal der thrakischen Könige“, das in Anlehnung an das Tal der Könige in Ägypten wegen seiner zahlreichen Fürstengräber so genannt wird. In dem einen wurde eine massive Goldmaske gefunden, das andere, von Grabräubern unberührte konnte dem Thrakischen König Seuthes III aus dem 4. Jahrhundert v. u. Z. zugeordnet werden. Es war vermutlich ursprünglich eines der ältesten heute bekannten thrakischen Gotteshäuser, das erst nachträglich zum Grab des Königs gemacht wurde. Neben einem Schatz aus zahlreichen Trinkgefäßen, Waffen und goldenem Zubehör für Pferdegeschirre fand man dort auch einen einmaligen Kranz aus goldenen Blättern sowie den vor dem Grab bestatteten Bronzekopf des Herrschers, der offensichtlich zu diesem Zweck von einer Bronzestatue abgetrennt worden war.

Im Museum kann man eine verkleinerte Nachbildung diese Grabs sehen, sowie etliche der Fundstücke bzw. zum Teil (nicht immer besonders gute) Kopien davon. Unter anderem von dem Kopf hatten wir das Original bereits im Historischen Museum in Sofia gesehen. Er zeichnet sich durch eine sehr lebensgetreue Darstellung aus, bis hin zur genauen Widergabe einer durch eine Jochbeinfraktur hervorgerufenen Gesichtsasymetrie, wie ich im Internet nachlesen konnte.

Seuthes III hat die Stadt Seuthopolis gegründet, deren Ruinen 1948 nur wenige Kilometer von Kasanlak entfernt beim Bau eines Staudamms entdeckt wurden. Leider hat das damalige kommunistische Regime den Stausee trotzdem fertig bauen lassen, sodaß dieser seltene Fund einer thrakischen Stadt heute unter Wasser steht. Allerdings ist ein Projekt in Gang, die Ruinen der Stadt mittels eines Betonrings trockenzulegen. Hierzu kann man ebenfalls Darstellungen im Museum sehen.

Neben den Ausstellungsstücken aus den verschiedenen historischen Epochen findet man auch in diesem Museum, wie in praktisch jedem anderen welcher Art auch immer, eine Ikonenausstellung, die wir uns aber erspart haben.

Bevor wir uns auf den Weg Richtung Sofia machen, setzen wir uns auf die Terrasse eines Kaffees, um die letzten Postkarten zu schreiben. Altersmäßig fallen wir etwas aus dem Publikum heraus, denn die Tische sind überwiegend mit den teils ziemlich aufgebretzelten Kids neureicher bulgarischer Bürger besetzt, die hier offenbar nach der Schule ein, zwei Gläser picheln. Die Seife auf dem Klo dieser Bar riecht wenig überraschend nach Rosen.

Schließlich bringen wir die Postkarten zur Post und machen uns dann auf die letzte Etappe unserer Bulgarienrundreise. Der Weg führt uns am südlichen Fuß des Zentralen Balkangebirges entlang, auf dessen höchsten Gipfeln in ca. 2.300 m Höhe auch zu dieser Jahreszeit noch etwas Schnee liegt. Das Balkangebirge ist zwar nicht ganz so hoch, wie die Rhodopen mit ihren ihren bis zu 2.900 m hohen Bergen, ist aber nicht weniger beeindruckend. Uns fällt auf, dass dort, wo sich in den Alpen Almen und Almhütten finden würden, absolut keine Bewirtschaftung stattfindet, anders als im Sredna Gora Gebirge, das von Süden her immer Näher an uns heranrückt, bis es mit dem Balkan zusammentrifft. Ein Blick auf die Landkarte liefert die Erklärung: Der gesamte Zentral-Balkan ist ein Nationalpark.

Dort, wo die beiden Gebirge sich schon sehr nahe kommen, fahren wir kommen wir an einer Ansammlung von Häusern vorbei, bei deren Anblick ich spontan zu Dirk sage, dass das wohl Gebäude sind, in denen selbst hier bestimmt schon seit Jahren niemand mehr lebt. Beim Näherkommen stellen wir jedoch fest, dass auch diese Bruchbuden noch Menschen Unterkunft gewähren, offensichtlich Sinti oder Roma. Ein Stück weiter drehen wir um und fahren noch mal vorbei, um das zu Photographieren. Wir denken uns, dass uns das sonst kein Mensch glauben wird. Erst zurück in Deutschland, bei Durchsicht der Photos, sehe ich, dass an vielen dieser „Häuser“ Satelitenschüsseln befestigt sind…

Mehrmals kommen wir auch unterwegs wieder an Polizeikontrollen vorbei, vor denen wir von den Entgegenkommenden Autos gewarnt werden. Und hier warnt wirklich jeder. Die Polizisten, die mit kreisenden Schlagstöcken am Straßenrand stehen und nach Augenmaß Autofahrer herauswinken, scheinen hier keinen Spaß zu verstehen. Uns ist das schon mehrfach aufgefallen.

Da in den Ortschaften vor Sofia kein Hotel zu finden ist, fahren wir bis in die Hauptstadt rein und suchen uns eines in einem Industriegebiet. Auch gut, so haben wir es morgen nicht mehr weit zum Flughafen und brauchen uns morgens nicht so zu beeilen. Leider gibt es dort mal kein WLAN auf den Zimmern, aber dafür eine abgetrennte Dusche… und die Handtücher duften intensiv nach Rosen. Das Abendessen müssen wir an einem von zwei kleinen Tischen in einer Ecke der Lobby einnehmen, da das Restaurant für eine Hochzeit am nächsten Tag vorbereitet wird. Es steht auch nur eine einzige Karte zur Verfügung, die uns kurzerhand abgenommen wird, als ein weiterer Gast auftaucht. Aber es schmeckt gut, und der Mann im Empfang, der uns auch bedient, ist sehr nett und gut gelaunt. Er fragt uns, ob er den Sender des schräg oberhalb von uns an der Wand ständig laufenden Fernsehers wechseln darf, als dort die Nachrichten beginnen. „Only talking talking…“. Da wir eh kein Wort verstehen, ist uns das egal.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen, das natürlich ebenfalls in der Lobby stattfindet, lassen wir uns von unserem Navi zum Flughafen führen. Es wählt den seiner Meinung nach schnellsten Weg, der jedoch durch einen Slum führt und selbst für Sofioter Verhältnisse so viele Schlaglöcher aufweist, dass wir nur sehr langsam vorankommen. Er führt uns aber noch einmal auf eindrückliche Weise vor Augen, wie groß die Armut in diesem Land noch ist. Ich würde am liebsten etliche Photos machen, aber es sind viele Leute unterwegs, da finden wir es etwas unhöflich, hier ständig zu knippsen. Also beschränke ich mich darauf, eine Szene mit zwei Straßenhunden einzufangen, bei der man auch das Drumherum ganz gut sieht.

Übrigens gibt es selbst hier noch lauter Sleeping Policemen, obwohl man auch so auf diesen Straßen kaum voran kommt. Für die Dinger haben die Bulgaren offensichtlich eine große Vorliebe.

Mit reichlich Vorlauf kommen wir beim Flughafen an und geben unser Auto wieder ab. Wir sind so früh, daß der LH-Schalter fürs Checkin noch gar nicht geöffnet hat. Als wir schließlich den Flieger besteigen, komme ich neben einem Mann zu sitzen, der ganz offensichtlich an Flugangst und Übelkeit leidet, regelmäßig stöhnt und heftig nach Angst riecht. Ich bin froh, daß der Flug nicht so lange dauert.

11.Tag in Bulgarien: Madara, Veliko Tarnovo

Die Tage am Schwarzen Meer sind vorbei, ab heute geht es wieder zurück in die generelle Richtung Sofia. Im Frühstücksraum kommt Dirk der Angestellte, der gestern das Brot nicht toasten wollte, direkt freudestrahlend entgegen: "We will toast your bread!" 🙂
Nach dem Frühstück packen wir fertig, ich bezahle das Handtuch, daß ich versehentlich an einer Lampe angekokelt habe, dann verabschieden wir uns und machen uns auf den Weg.

Die Fahrt nach Madara, genauer: zu dem Archäologischen Komplex von Madara dauert nicht sehr lange. An der Autobahn gibt es eine Ausschilderung, danach sind die Hinweise auf diese wichtige archäologische Stätte vergleichsweise dürftig.
Das Bedeutenste an Madara ist das Felsenrelief des Reiters, von dem wir ja schon eine Kopie in Sofia gesehen haben. Die ersten Stationen unseres Rundwegs sind jedoch einige Höhlen, die bereits im Neolithikum bewohnt wurden. Eine der Höhlen, die eher eine überhängende Felswand ist und in der man Zeugnisse menschlicher Nutzung aus thrakischer Zeit bis hin zu türkischen Tonpfeifen gefunden hat, wird heute wegen ihrer Akkustik gelegentlich für klassische Konzerte genutzt. Wir kommen  hier mit einer kleinen Gruppe Deutscher und Bulgaren ins Gespräch und photographieren uns gegenseitig. (Die – sehr gut Deutsch sprechende – Bulgarin findet es mutig von uns, so alleine durch Bulgarien zu reisen. Wir fragen uns, warum eigentlich, die anderen sind ja offensichtlich auch privat in einer nur kleinen Gruppe unterwegs.)
Danach führt der Weg weiter zu besagtem Felsenrelief eines Reiters in annähernd Lebensgröße, das dort, in 20 Metern Höhe, vermutlich Anfang des 8. Jahrhunderts in die steile Felswand gemeißelt wurde. Dieses einzige derartige frühmittelalterliche Monumentalrelief Europas, das früher überputzt und sicherlich farbig gestaltet war, wurde vermutlich zur Ehrung des Khans Tervel gefertigt, der Anfang des 8. Jahrhunderts erfolgreich für die Festigung und Ausweitung des Ersten Bulgarischen Reiches gekämpft hatte. Während ich das aus unserem Baedecker vortrage, liest der Mann drüben auf der anderen Bank seiner Frau bestimmt gerade aus dem Baedecker, den er in der Hand hält, genau die gleiche Stelle vor. 🙂
Das Relief ist hier übrigens besser zu sehen, als in der Kopie in Sofia.

Die dritte Station, eine Festung hoch oben auf den Felsen oberhalb des Reiters, deren Anfänge im 5. Jahrhundert liegen, besucht Dirk alleine, weil ich die zahllosen ziemlich hohen Stufen meinem Arthrosegelenk nicht antun will. Der Marsch zum Aladscha-Kloster gestern und zurück hat schon gereicht. Ich warte solange in ziemlich dürftigem Schatten, der nur bedingt vor der sengenden Sonne schützt, schreibe diesen Text bis zu dieser Stelle und leide in Gedanken mit denjenigen mit, die sich bei diesen Temperaturen da hoch quälen. Der Ausblick über das Dorf Madara und die Donau-Ebene ist auch von der Stelle, bis zu der ich mitgekommen bin, schon ziemlich klasse. (Brilliantes Timing: In diesem Moment kommt Dirk wieder hier unten an. Er sagt, die Kraxelei hat sich gelohnt, bin gespannt auf die Photos.)
Den Abschluß des Rundgangs bilden einige heidnische Kultstätten und Fundamentreste u. a. einer Basilika, die über einer dieser Stätten errichtet wurde, aber wir können nicht so richtig erkennen, was was ist. Einer Legende zufolge kann man Energie aufladen, wenn man bei einer der Kultstätten im Morgengrauen barfuß durchs Gras läuft, wir beschließen aber, trotzdem heute weiterzufahren. 🙂
Nach kurzem überlegen entscheiden wir, nicht direkt nach Kasanlak zu fahren, sondern erst Veliko Tarnovo, der vierten Hauptstadt Bulgariens im Laufe seiner bewegten Geschichte, einen Besuch abzustatten und uns dort ein Hotel zu suchen. Sie soll eine der reizvollsten Städte Bulgariens sein, und auf einem ihrer drei Hügel sollen substantielle Reste einer mittelalterliche Feste erhalten sein.

Auf der Fahrt dorthin sehen wir immer wieder Kühe, auch mal einen Esel, die weder eingezäunt noch angebunden und unbeaufsichtigt direkt neben der Straße grasen – und zwar durchaus auch an stärker befahrenen Landstraßen!
Unser Navi führt uns über zum Teil etwas abenteuerliche Straßen. Einmal sitzen ein Stück jenseits eines Dorfes ein paar Leute im Schatten eines Baumes – mitten auf unserer Seite der Fahrbahn! Offenbar fahren hier nicht sehr viele Wagen entlang. Bald wissen wir auch, warum: kurz darauf ist die Fahrbahn dermaßen durchlöchert, daß wir nur noch Schlangenlinien fahren können – und zwar gaaaanz langsam. Schrittempo ist fast schon zu viel.
Auch die weiteren Straßen werden wieder von den üblichen Schlaglöchern geziert, die aber teilweise im Spiel von Licht und Schatten, das die Sonne durch die Äste der am Straßenrand stehenden Bäume auf den Asphalt wirft, praktisch nicht zu erkennen sind, was dem Auto ein paar heftige Schläge einträgt.
Einer der Höhepunkte auf dieser Fahrt ist ein Dorf, das mehrere Storchenpaare und ihren Nachwuchs beherbergt. Alleine an der Straße, auf der wir den Ort passieren, sehen wir auf den Masten der Straßenbeleuchtung vier Nester mit den fast ausgewachsenen Jungvögeln und manchmal auch einem Elternteil.
Und wieder fällt uns auf, wie wenige alte Burgen und Festungen es in Bulgarien gibt im Vergleich zu Deutschland. Dirk kommt der einleuchtend klingende Gedanke, daß das vermutlich an der ein halbes Jahrtausend währenden Zugehörigkeit zum riesigen, zentral regierten osmanischen Reich liegt, die ja bis zum Ende des 19. Jahrhunderts währte. Hier brauchte nicht jedes Kleinfürstentum seine eigenen Festen für die Verteidigung gegen die benachbarten anderen Kleinfürstentümer, wie es in deutschen Landen lange Zeit der Fall war.

Auf dem letzten Teil der Strecke nehmen wir ein junges Paar mit, das mit uns bis Tarnovo fährt, um von da noch die 110 km bis Russe weiter zu trampen. Die beiden sind sehr nett, wobei nur er spricht, weil sie sich wegen ihres Englisch nicht traut. Wir erzählen ein bißchen, wo wir gewesen sind, er gibt uns ein paar Tips, was wir anschauen sollten und wie man richtig danke sagt :-), und wir unterhalten über andere Länder, in denen wir gewesen sind. Er ist Kontrabass-Spieler und hat in Tarnovo Musik studiert, wie sich herausstellt.

In Tarnovo setzen wir die beiden ab und versuchen dann, das Hostel zu finden, daß der junge Mann uns empfohlen hat, aber er wußte den Namen nicht mehr, und in der fraglichen Straße reiht sich ein Hotel an das nächste. Das vom Baedecker empfohlene günstige Hotel liegt in einem Viertel, in dem uns die Wahrscheinlichkeit, unser Auto am nächsten Tag heil wiederzufinden, nicht groß genug scheint. Wir entscheiden uns schließlich für das "Hotel Real", das die wichtigen Vorzüge Klimaanlage, Frühstück und eine abgetrennte Duschkabine (!) bietet. 🙂 Außerdem ist es ganz neu und hat W-LAN, aber letzteres hatten, bis auf unsere Unterkunft in Bansko, alle Hotels. Und es liegt absolut zentral. Eine endgültige Beurteilung gibt es morgen von Dirk, wenn wir gefrühstückt haben.
Was freies W-LAN angeht, ist Bulgarien übrigens noch ein Paradies. Wir haben bisher in den meisten Restaurants und in vielen Straßen ein offenes W-LAN vorgefunden.
Nachdem wir eingecheckt und uns geduscht haben, gehen wir noch durch ein paar Straßen der Altstadt, die teilweise – für bulgarische Verhältnisse – ziemlich gut saniert sind. Besonders hübsch ist die "Samovodska Tscharschija", die älteste Handelsstraße der Stadt, in der man tagsüber Werkstätten und Geschäfte des 19. Jahrhunderts besichtigen kann. Jetzt allerdings sind die Läden alle schon geschlossen, und morgen werden wir vermutlich leider auch nicht mehr dazu kommen. Insgesamt gewinnen wir heute Abend den Eindruck einer Stadt mit einem sehr lebendigen Flair, die uns von allen bisher besuchten am besten gefällt. Hier wollen wir bei Gelegenheit mehr Zeit verbringen.
Wir suchen uns für unser Abendessen ein Lokal, wo man draußen sitzen kann. Dort entdecken wir auch endlich die  Pflanze, deren intensiver Duft uns schon in Plovdiv an allen Ecken und Enden aufgefallen war, ohne daß wir den Verursacher identifizieren konnten: Es handelt sich um eine Linde, deren Blüten optisch so unauffällig sind (Lindenblüte eben), daß man sie nicht automatisch mit diesem alles übertönenden Duft in Verbindung bringt.
Danach ist es Zeit fürs Bett, denn wir sind beide müde.

9.Tag Bulgarien: Steinerner Wald und Varna

Wir stehen dieses Mal wieder früher auf, um etwas mehr vom Frühstücksbuffet zu bekommen, aber es ist ähnlich geplündert wie gestern. Offensichtlich gehören die meisten anderen Gäste hier zur Fraktion der Sehr-Früh-Aufsteher. Dafür leistet uns sowohl am Buffet als auch bei Tisch ein Spatz Gesellschaft und nascht ein wenig von Dirks Teller. 🙂

Im Anschluß springt Dirk noch mal kurz in den Pool (ich habe heute keinen Lust sondern lese lieber noch ein bischen) und macht sich dann daran, den platten Reifen gegen das Notrad zu wechseln. Allerdings kommt er gar nicht groß dazu, denn der Hotelier kommt sofort hinzu und nimmt sich der Sache an. Wie sich herausstellt, steckt ein großes Metallstück im Reifen. "Souvenir from Bulgarien roads", meint unser Gastgeber und weist auf den Übeltäter. Dann grinst er breit: "You drive too slow!"

Mit neu bereiftem Wagen fahren wir zum Flughafen außerhalb von Varna, wo sich die Filiale von Europcar befindet. Eine der beiden Mitarbeiterinnen führt uns zu einer Werkstatt voraus, mit der Europcar offenbar zusammenarbeitet, erklärt einem der Mechaniker, worum es geht und fährt ohne ein weiteres Wort direkt weiter – nicht Richtung Flughafen. Es wäre ganz hilfreich gewesen, wenn sie noch einen Moment geblieben wäre, bis tatsächlich alles geklärt ist, aber wir kommen schließlich auch so klar. Vermutlich will sie die Gelegenheit nutzen, schnell etwas zu erledigen, was verständlich ist, wenn sie auch 12 Sunden arbeitet wie ihr Kollege am Flughafen in Sofia.
Die Werkstatt ist eine von vielen, die sich an einer Seite einer von Wohnsilos umgebenen, staubigen und löchrigen Straße aneinander reihen. Was nicht repariert werden kann, kommt auf einen der Schrottplätze, die die gegenüberliegende Straßenseite zieren. Die andere Hälfte Straße wird links und rechts von Gebrauchtwagenhändlern gesäumt. So etwas haben wir vor ein paar Tagen schon gesehen: Da sind wir durch eine Ortschaft gekommen, deren Durchgangsstraße praktisch nur an Autohändlern vorbeiführte. Was man in einer solchen Umgebung normalerweise als letztes erwarten würde, sind Luxusschlitten wie der Jaguar, der vor uns auf der Hebebühne steht. Allerdings treffen wir in diesem Land schon die ganze Zeit auch in den heruntergekommensten Vierteln und Dörfern auf Autos, die ein Vermögen wert sind – teilweise von Jüngelchen gefahren, die noch nicht allzulange im Besitz eines Führerscheins sein können.

Unser Reifen wird ruckzuck repariert und wieder angeschraubt. Der ganze Spaß kostet gerade mal 30,- Leva (15,- €). Da wir sowieso schon in der richtigen Richtung unterwegs sind, fahren wir weiter zum "Steinernen Wald" (Pobitite Kamani) – oder versuchen es zumindest. Unser Navi ist nämlich mal wieder ein wenig verwirrt, so daß wir eine Weile auf teilweise abenteuerlich durchlöcherten Straßen hin und her kreuzen, ehe wir – die Anweisungen des Navis einfach strikt ignorierend – auf die richtige Bundesstraße gelangen, die uns Richtung Westen aus dem Randbezirk Varnas herausführt. Wieder einmal staunen wir dabei, mit welchem Tempo die Einheimischen um die Schlaglöcher herum, bzw. einfach durch sie hinndurch fahren.
Die Ansammlung steinerner, hohler Säulen ist schon beeindruckend und gibt ein paar schöne Motive für den Photoapparat ab. Bisher ist nicht geklärt, wie sie damals im Meer entstanden sind.

Unser nächster Weg führt uns in Varnas Innenstadt, wo wir frisches Geld ziehen und ein bischen einkaufen wollen. Als Zielort geben wir dem Navi "Varna Zentrum" vor, aber wir landen irgendwo daneben. Ein Navigationsgerät hilft schon sehr in einem Land, in dem die Straßenschilder nur schwer bis gar nicht im Vorbeifahren entzifferbar sind, aber man kann sich nicht immer darauf verlassen. Manchmal führt es sonst sehr lustige Wege mit einem.

Varna ist wirklich häßlich, anders kann man es nicht nennen. Die ganze Stadt besteht aus grauen Kästen und Straßenzügen in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Auch die anderen Städte, die wir besucht haben, bestehen überwiegend daraus. Aber sie haben eben auch eine Altstadt zu bieten. Das fehlt hier, bis auf ein paar eingestreute alte Gebäude, praktisch völlig. Schließlich finden wir aber doch noch ein Zentrum – nur leider keinen Parkplatz. Eine ganze Weile kurven wir – zusammen mit jede Menge anderen Parkplatzsuchenden – durch enge Straßen, aber keine Chance. Doch haben wir immerhin schon mal das Archäologische Museum entdeckt, daß wir noch besuchen wollen. Da müssen wir morgen nur noch herausfinden, wo und wie man dort parkt.

Also suchen wir uns statt dessen weiter zum Stadtrand hin eine Mall mit Parkgarage, kümmern uns um unseren Hunger und machen unsere Besorgungen und fahren dann zurück ins Hotel (in recht flottem Tempo – Dirk scheint sich die Bemerkung des Hotelbesitzers heute Morgen zu Herzen genommen zu haben :-)). Dort gehen wir noch ein bischen schwimmen ehe wir wie am Vortag den Abend bei unserem Lieblingswirt Michael beschließen und dabei ein paar Postkarten schreiben.

7.Tag Bulgarien: Fahrt nach Nessebar und Varna

(Noch kurz vorweg zum gestrigen Tag: So uninteressant waren die Museen gar nicht – fand ich zumindest :-))

Den heutigen Tag verbringen wir wieder überwiegend im Auto. Noch ein Frühstück in der gleichen Bäckerei wie am Vortag, dann geht es los. Das Hotel – das jetzt übrigens Star Hotel heißt – entsprach zwar nicht unseren Erwartungen, aber für j12,50 € pro Person pro Nacht in absolut zentraler Lage zu übernachten hat das wieder wett gemacht.

Der Weg führt zur Abwechslung mal nicht durchs Gebirge, sondern durch die Thrakische Ebene nach Osten in Richtung Schwarzes Meer. Auf der linken Seite begleitet uns auf dem gesamten Weg das Balkangebirge, rechts bleiben die Rhodopen bald zurück.

Den ersten Teil des Weges legen wir auf der Autobahn zurück, die eines Tages einmal durchs ganze Land von Sofia bis Varna gehen wird, aber jetzt endet sie auf der Höhe von Stara Sagora, wie auch schon auf unserer Karte von 2009. Stara Sagora sehen wir nur im Vorbeifahren: Ein häßlicher Ring von grauen Hochhäusern um die ältere Stadt. Eventuell kommen wir auf dem Rückweg noch mal hier her, um zwei guterhaltene Wohnhäuser aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert  zu besichtigen, die hier gefunden wurden. Kommt darauf an, wie viel Zeit wir dann noch haben.

Die Ebene, durch die wir fahren, zeichnet sich durch riesengroße Felder aus, wie sie vermutlich in kommunistischer Zeit angelegt wurden. Zunächst sind es vor allem Weinfelder und Sonnenblumenfelder. Das muß wirklich toll aussehen, wenn all die gelben Blüten aufgegangen sind! Später überwiegt der Getreideanbau, und etwas, das aussieht wie Margaritenfelder, aber das können wir im Vorbeifahren nicht so genau erkennen. Und dazwischen sieht man immer mal wieder einen aufgegebenen, verfallenden Kolchosehof. Schließlich fängt die Autobahn wieder an – da, wo sie auch auf unserer Karte wieder anfängt.

Wir haben uns eigentlich vorgenommen, uns für die nächsten Tage an der Schwarzmeerküste ein Hotel zwischen Nessebar und Varna zu suchen und von dort Unternehmungen zu machen. Da wir jedoch gut durchgekommen sind, beschließen wir, Nessebar an diesem Nachmittag zu besichtigen und dann ein Zimmer bei Varna zu suchen. Das läßt uns zwar etwas wenig Zeit für diese auf einer Halbinsel gelegene Altstadt, die auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes steht und auf der „sich kulturelle Zeugnisse mehrerer Jahrtausende“ konzentrieren, so unser Reiseführer, aber alles andere, das wir besuchen wollen, liegt um Varna herum. Eine weise Entscheidung, wie sich herausstellt. Denn hinter all den Souvenierständen, Eisverkäufern alle paar Meter und Massen an (zu gefühlt 50% Deutsch sprechenden) Touristen ist von der Stadt kaum etwas zu sehen. Ich möchte nicht wissen, wie das in der Hauptsaison aussieht. Wir laufen einmal durch, erstehen ein luftiges Hemd für mich und einen Hut als Sonnenschutz für Dirk, tun uns noch das Archäologische Museum an und fahren nach gerade mal zwei Stunden weiter. Es würde sich wahrscheinlich lohnen, dort im Winter mal durchzugehen.

Jenseits der Altstadt besteht Nessebar vor allem aus Hotelburgen unterschiedlich kitschiger Ausführung – von relativ neutral über burgartig mit Zwiebeltürmchen (vermutlich für die russische Kundschaft) bis zu einem Piratennest mit Schiff und Totenkopf über dem Eingang. Das setzt sich auf dem Weg nach Varna überall dort fort, wo sich die Straße direkt an der Küste entlangzieht. Und auch hier finden sich immer wieder Bauruinen, bei denen den Bauherren auf halbem Wege die Luft ausgegangen ist.

Zweimal windet sich die Straße aber auch weiter ins Landesinnere, wobei es teilweise recht steil bergauf und auch wieder bergab geht. Daß die großen Warnschilder an der Seite mit „starke Steigung, auf niedrigeren Gang schalten“ tatsächlich auf Deutsch sind, geht uns erst beim zweiten Nachdenken auf. Dirk schlägt als Erklärung vor, daß es die vielleicht billig bei ebay zu ersteigern gab. 🙂

Kurz vor Varna biegen wir Richtung Küste ab und versuchen, ein Hotel zu finden. An der Straße, auf die wir abgebogen sind, treffen wir aber erst mal nur auf Prostituierte, die dort im Abstand von ein- bis zweihundert Metern vermutlich auf Freier warten, die sie mit in eines der Hotels in Varna oder am Goldstrand nehmen. Ein Hotel finden wir nicht und fahren weiter durch Varna hindurch. Auf der anderen Seite der Stadt beginnt bald besagter Goldstrand.

Hier gibt es sowas wie Hotel-Reservate: Hinter einer bewachten Schranke reiht sich Hotel an Hotel, um so teurer, je näher man dem Strand kommt. Einige der Hotels haben noch mal ihre eigene Schranke und eigene Bewacher. Aus diesen „Reservaten“ braucht man während des Urlaubs nicht heraus kommen, wenn man das nicht will.

Wir entscheiden uns nach längerem Suchen für das Hotel „Horizont“, das eben außerhalb einer solchen Schranke liegt. Es hat einen Pool und – es gibt Frühstück! 🙂 Und es kostet uns nicht mal die Hälfte von dem, was das günstigste Hotel innerhalb der Schranke haben wollte.
Ein paar Einschränkungen gibt es natürlich schon. Z. B. hat das Zimmer leider keine Klimaanlage, und das Badezimmer treibt das Konzept der Duschkabine mit Waschbecken und Klo so konsequent auf die Spitze, daß es nicht mal mehr etwas zum Aufhängen der Handtücher oder des Klopapiers gibt (das man in diesem kleinen Raum vor dem Duschen eh rausstellen muß).

Das Gebäude stammt eindeutig aus der Vorwendezeit, weshalb z. B. die Zimmertüren so schief in den Angeln hängen, daß man bei geschlossener Tür fast einen Finger durch den zum Türrahmen verbleibenden Spalt stecken kann, was die allgemeine Hellhörigkeit nicht verbessert. Aber wir haben einen Balkon, der zwischen Bäumen und einem weiter unten liegenden Hotel einen Blick auf das Schwarze Meer gestattet. 🙂 Und vor allem: Die Leute sind mal wieder super nett! Da wir recht spät angekommen sind, ist das Restaurant schon geschlossen. Die Besitzerin entschuldigt sich vielmals dafür und empfiehlt uns ein Restaurant ein paar hundert Meter weiter. Dort wird aber auch gerade geschlossen, immerhin ist es schon zehn Uhr, wofür sich der Besitzer ebenfalls vielmals auf ziemlich gutem Deutsch entschuldigt. Wir versichern ihm, daß das kein Problem ist und daß wir bestimmt einen Abend kommen und sein selbst gebackenes Brot probieren werden. Auf dem Rückweg zum Hotel finden wir uns innerlich damit ab, daß wir wieder mit Vorräten aus dem Rucksack werden Vorlieb nehmen müssen. Das aber lassen die Besitzer nicht zu. Mutter und Tochter setzen uns auf die Terrasse, entschuldigen sich dafür, daß es uns leider nicht schmecken wird, denn der Koch sei nicht mehr da und man könne uns nur noch etwas aufwärmen, dann tischen sie uns eines der leckersten Essen auf, daß wir bisher bekommen haben, bestehend aus Fleisch, gewüztem Reis, Schaskäse und Brot, Tomaten und Peperoni in Öl und den knackigsten und geschmackvollsten Gurken, die wir je gegessen haben. Sie wachsen in einem Ort um die Ecke.
So kommen wir doch noch mit einem gut gefüllten Magen ins Bett, und wir brauchten nicht mal etwas dafür zu bezahlen. Und noch ein entscheidender Vorteil unseres Hotels wird jetzt deutlich: In der Entfernung bei den anderen Hotels hören wir laute Musik, begleitet von lärmenden deutschen Touristen, die „Berlin, Berlin, wir gehen nach Berlin!“ und ähnliche Kleinodien der deutschen Sangeskunst grölen.

Den Wecker stellen wir für den nächsten Morgen etwas später, denn wir wollen den Tag einfach mal entspannen.

5.Tag Bulgarien: Fahrt zum Batschkovski-Kloster, Ankunft in Plovdiv

(Nochmal von Karin, Dirk ist kopschmerzgeplagt.)

Wir kommen zu der Erkenntnis, daß Bulgarische Hotels zwei Gemeisamkeiten zu haben scheinen: Es gibt nicht automatisch Frühstück, und Duschen haben keinen Duschvorhang. (Das Hotel Niky, in dem wir in Sofia übernachtet haben, ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt, zurückzuführen vermutlich darauf, daß man sich in der Hauptstadt an ausländische Touristen angepaßt hat – dort gibt es sogar ein relativ vielseitiges Frühstücksbuffet.) In dem Hotel, in dem wir diesesmal übernachtet haben, fehlt nicht einfach nur der Vorhang vor der Duschnische – das Badezimmer ist die Dusche. Und Frühstück müssen wir extra bestellen, können es dafür aber auf der Terrasse am Pool einnehmen. Die Bulgaren zwei Tische weiter nehmen nur den landesüblichen herrlich kräftigen Kaffee zu sich.

Danach machen wir aber noch einen Abstecher zum Pennymarkt, um unsere Müsliriegel- und Brotvorräte wieder aufzustocken, die wir am Vorabend geplündert haben, statt essen zu gehen. In der Straße, an der der Supermarkt liegt, ist an der Seite ein Esel mit Karren geparkt. An der Tür des Pennymarktes weist ein Schild darauf hin, daß drinnen neben Hunden u. ä. auch Schußwaffen verboten sind.

Dann geht es endlich los in Richtung unseres nächsten Klosters und der Stadt Plovdiv. Klöster gehörten früher zu den wichtigsten kulturellen Zentren Bulgariens und spielten eine herausragende Rolle in der Zeit der sog. Bulgarischen Wiedergeburt. Vom kommunistischen Regime sind sie offenbar in Ruhe gelassen worden. Entsprechend weit oben stehen sie heute auf der Liste der zu besichtigenden Plätze. Zunächst aber sind wir ziemlich lange "on the road". Unser Weg führt uns durch das Phodopen-Gebirge. Anders als im mediterran angehauchten Pirin-Gebirge hat man hier das Gefühl, durch die Alpen zu fahren. Als wir in die ersten Ausläufer kommen, fallen uns Stapel von Steinplatten auf, die überall am Straßenrand stehen. Meist sind sie sehr ordentlich zu Würfeln auf Paletten gestapelt, einige zudem mit Plastik umhüllt. Das Bild begleitet uns noch eine ganze Weile durch die Rhodopen. Offensichtlich leben die Menschen hier davon, daß sie die dünnen Schichten der Felsen zu Platten aufbrechen. Weiter innerhalb des Gebirges sehen wir verstreut einzelne kleine Äcker, zu denen die Besitzer, Pächter oder was auch immer sie sind mit ihrem Auto oder auch mal einem Pferde- oder Eselkarren aus der relativ weit entfernten Stadt oder Ortschaft gefahren kommen, um ihren Acker zu bestellen und zu pflegen.

Je näher wir Shiroka Laka kommen, desto mehr werden die kleinen Äcker vom Bohnenanbau dominiert. Shiroka Laka ist eine in weiten Teilen unter Denkmalschutz stehende kleine Stadt, deren Häuser sich eng an die Hänge eines engen Tals schmiegen. Wir genießen den Anblick jedoch nur beim langsamen Hindurchfahren, denn bis Plovdiv und dem Kloster ist es noch eine erhebliche Strecke. Alles geht leider nicht – wir haben unsere Liste der zu besichtigenden Orte, die wir schon in Marburg in einem Anfall von Realismus erheblich eingedampft hatten, unter dem Eindruck der Reisegeschwindigkeit auf hiesigen Straßen noch mal um einiges zusammengestrichen. Kurz hinter Shiroka Laka nehmen wir einen freundlichen älteren Mann mit. Mein Versuch, ihm mit Hilfe des Wörterbuchs zu erzählen, daß die Landschaft schön ist, schlägt völlig fehl – er hat keine Ahnung, was ich meine – aber freut sich trotzdem, ein Stück mit uns zu fahren.

In Pamporovo, einem der zwei bekanntesten Wintersportorte Bulgariens, machen wir mittags Halt, um etwas zu Essen. Überwiegend besteht der Ort aus fertiggestellten Hotels, solchen, die im Entstehen begriffen sind, und Bauruinen, die mittendrin aufgegeben wurden (ein Phänomen, auf das wir überall gestoßen sind – seien es Hotels, Arpartmenthäuser oder Bürogebäude). Eine Abwechslung in der Architektur ist eine Ansammlung kleiner dreieckiger Einzelhäuschen mit bis auf den Boden reichendem Blechdach. (Für Mama und Vati und Tim: Wie lauter Gartower Häuser im Kleinformat, nur mit Blech- statt Reeddach.)

Danach geht es aus einer Höhe von 1650 m wieder nach unten. In den Ortschaften und auch ein ganzes Stück außerhalb kommen wir immer wieder an Ständen vorbei, an denen eine große Auswahl an Honig verkauft wird. Solche Stände waren uns zwar auch schon vorher aufgefallen, aber hier kommen sie noch viel häufiger vor. Wir fragen uns, wieviel Geld die einsame Person, die jeweils an dem Stand sitzt, mit dem Verkauf wohl machen kann, wenn nur hin und wieder ein Auto vorbeikommt, von denen nur ein Bruchteil hält um Honig zu kaufen (und dann natürlich an den folgenden 20 Ständen vorbeifährt, ohne einen Lev zu hinterlassen).

Unser Weg führt uns jetzt für die nächsten 35 bis 40 km durch ein endlos sich windendes enges Tal zwischen steilen Felsen – beeindruckend zunächst, aber mit der Zeit wird es doch etwas eintönig. Hin und wieder kommen wir durch einen Ort mit den Häusern im üblichen Zustand der Vernachlässigung, gelegentlich mit verfallenden Industrieanlagen aus Kombinatszeiten. Wer hier lebt, so scheint uns, ist bestraft.

Schließlich kommen wir aber doch beim Batschkovski-Kloster an. Nur 28 km von Plovdiv entfernt, ist es ein touristischer Anlaufpunkt. Entsprechend ist der Weg, den wir vom Parkplatz hinauf gehen, von Souvenierständen gesäumt. Der Komplex selber unterscheidet sich nicht so wesentlich vom Rilski-Kloster, ist nur weniger gut in Schuß. Die Wandmalereien in der mittig gelegenen Kirche sind vom Ruß der zahllosen Kerzen, die dort von den meisten Besuchern entzündet werden, so geschwärzt, daß man schon ganz genau hinsehen muß, um zu erkennen, daß sie überhaupt existieren.

Während wir das ansehen, was noch zu erkennen ist, tritt eine alter Pope auf uns zu und drückt mir freundlich lächelnd ein Blatt von irgend einer Pflanze in die Hand. Er spricht zwar nicht wirklich Englisch oder Deutsch, aber wir verstehen trotzdem, daß er nach unserer Nationalität fragt. Als er erfährt, daß wir aus Deutschland sind, sagt er irgend etwas von "deutschem Salat", strahlt uns noch mal freundlich an und geht zurück zu seinem Stuhl. Kurz darauf winkt er mir zu, ich solle zu ihm kommen, und drückt mir eine schrecklich kitschige kleine Plastik-Ikone im Visitenkartenformat von der Jungfrau Maria in die Hand.
Nach einiger Zeit sehe ich ihn von einem Blumenstrauß eine Rose abpflücken. Ich mache Dirk darauf aufmerksam, daß der nette alte Herr gerade wieder einen Besucher mit einem Pflänzchen begrüßen will – aber die Rose ist auch noch für mich! Ich bedanke mich noch einmal herzlich mit dem landesüblichen "Merci", dann holen wir zwei Kerzen, um als Gegengeste zum endgültigen Verschwinden der Fresken beizutragen. (Im Roschinski-Kloster z. B. darf man Kerzen nur noch unter einem extra dafür eingerichteten Abzug entzünden – und kann dafür die Heiligen an der Wand noch sehen.) Mit dem Blatt und der Rose schmücke ich später das Tor zu einer weiteren Kirche des Klosters; die kleine Ikone behalte ich als Erinnerung.

Neben der zugeräucherten Kirche gibt es noch ein Museum zu besichtigen und das ehemalige Refaktorium nebst Küche. Außer uns geht da aber niemand hin, wahrscheinlich, weil dieser Teil Eintritt kostet. Dabei lohnt sich der Speisesaal, denn er ist ebenfalls bis unter die Decke mit biblischen Szenen ausgemalt, die die Gedanken der Mönche während des Essens beim Wesentlichen halten sollten (und die man, da hier nicht die ganze Zeit Kerzen brannten und der Raum sicher auch besser belüftet war, tatsächlich auch erkennen kann…)

Nun geht es auf die letzte, kurze Etappe des heutigen Tages: nach Plovdiv. Vom langen Autofahren sind wir ganz schön müde. Da wir mit dem Tip unseres Reiseführers hinsichtlich des Hotels in Sofia gut gefahren sind, greifen wir auch jetzt auf einen seiner Vorschläge zurück. Unser Auto parken wir in einer Straße ganz in der Nähe. Die Rezeptionistin erklärt uns auf unser Fragen, daß man für das Parken bei einem dort herumlaufenden Mann bezahlt. Ah ja, das kennen wir von Sofia! Daß der Typ, dem wir das Geld geben, keine offiziell wirkende Weste trägt und uns auch kein Ticket gibt, daß hinter Windschutzscheibe gelegt wird, kommt uns schon etwas spanisch vor, aber wir sind müde und der freundliche junge Mann wirkt irgendwie überzeugend.

Anschließend bringt er uns gegen ein Trinkgeld noch die Koffer in die Hotelrezeption. Dort machen wir unseren zweiten Fehler: Wir geben einem ziemlich offensiv bettelnden Mann zwei Leva. Seitem haben wir ihn an der Backe, sobald wir in der näheren Umgebung des Hotels sind. Im Übrigen stellen wir fest, daß das wohl nicht mehr das vom Reiseführer als komfortabel empfohlene Hotel ist. Das zugehörige Restaurant mit bulgarischen Spezialitäten gibt es nicht mehr, Frühstück gibt es nicht mal, wenn man es extra bestellt – man muß sich das irgendwo anders suchen – und die Minibar ist leer und riecht muffig.
Ach übrigens: Das Badezimmer ist eine Duschkabine mit Waschbecken und Klo. Wir hatten recht mit unsere Vermutung von heute morgen. 🙂

4.Tag Bulgarien: Roschinski-Kloster, Melnik

(Von Karin)

Ich werde mich jetzt auch mal an der Erstellung dieses Reisetagebuches beteiligen. Es gibt so viel zu erzählen, da werden wir uns abwechseln.

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Unser Tag beginnt heute mit nichts als einem Kaffee zum Frühstück (mehr gibt es in unserem Hotel leider nicht, dafür ist der Kaffe aber so gut wie offenbar überall hier in Bulgarien). Danach fahren wir erst mal Richtung Melnik los, um vor einem ausführlicheren Frühstück ein paar Kilometer zu machen. Der Weg führt durch eine ausgesprochen malerische Schlucht, an deren Ende wir in eine Landschaft kommen, die mit ihren Zypressen an die Mittelmeergegend erinnert – was nicht verwunderlich ist, denn die griechische Grenze ist von hier nicht mehr weit entfernt. Auch die Temperaturen sind ziemlich mediterran. Zum Glück findet sich hier auch ein Möglichkeit, zu frühstücken, denn so langsam wird mein Hunger ziemlich spürbar und meine Laune sackt in den Keller 🙂

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Auf der weiteren Fahrt nach Melnik warten ein paar spektakuläre Aussichten auf uns. Was aber ebenfalls auffällt, ist der heruntergekommene Zustand aller Ortschaften, durch die wir kommen. Häuser, bei denen man bei uns davon ausgehen würde, daß dort schon eine geraume Weile niemand mehr lebt, sind hier noch selbstverständlich bewohnt. Das hier und da mal ein Haus – oder auch nur eine Wohnung in einem mehrstöckigen Haus – von außen saniert worden ist, macht den traurigen Zustand der übrigen Gebäude um so deutlicher.

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Es ist auch kaum etwas zu erkennen, von dem die Menschen hier groß leben könnten: Ab und zu ist ein einsames Feld mit Wein zu sehen, immer wieder außerdem sehr große Gewächshäuser, aber ansonsten ist bis auf ein paar Ziegenherden an Landwirtschaft nichts zu finden. Industrie gibt es offenbar überhaupt keine.

 

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Bevor wir das in fantastisch aufragende Sandsteinfelsen eingebettete Melnik, Bulgariens kleinste Stadt, besichtigen, fahren wir in das nahegelegene Roschinski-Kloster. Im Vergleich zum Rilskikloster gestern ist es eher einfach, aber ausgesprochen idyllisch mit einem Hof, der von einem 300 Jahre alten Wein überrankt ist. Die Kirche in der Mitte ist aber genauso vollständig mit Wandmalereien ausgemalt und mit Gold und Ikonen geschmückt wie alle orthodoxen Gotteshäuser, die wir bisher gesehen haben.

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Als wir hineingehen, ist gerade eine Taufe in Gange. Ein junger Priester mit dem typischen langen Vollbart, zu Dutt gefaßten langen Haaren und langer schwarzer Kutte liest ungerührt in schnellem Tempo eine endlose Litanei, während von allen Seiten die Familie – inklusive eines muskelbpackten Onkel mit Muscel-Shirt – gerührt die Zeremonie filmt und photographiert und das ununterbrochen schreiende Kind den von Oma gereichten Schnuller empört wieder ausspuckt. Das Kleine muß aber offenbar auch einiges mitmachen. Neben dem Wasser, das es natürlich auf den Kopf bekommen hat, schneidet der Priester ihm ein paar Haarsträhnen ab, die er ins Taufbecken wirft. Was vor unserem Dazukommen noch gelaufen ist, weiß ich nicht, aber auf dem Tablett, auf dem auch die Schere fürs Haareschneiden liegt, entdecken wir nach Beendigung der Zeremonie noch diverse andere Utensilien wie Seife und Flaschen mit welchem Inhalt auch immer.

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Als wir anschließend Melnik besichtigen wollen, setzen das Gewitter und der Regen ein, die sich bereits eine Weile angekündigt haben. Also warten wir den schlimmsten Niederschlag im Auto ab und essen dann erst mal in einem der Lokale etwas zu Mittag. Mit dem bulgarische Essen haben wir bisher eher weniger gute Erfahrungen gemacht: Sehr typisch scheinen sowas wie Eintöpfe zu sein, die aus Reis, Gemüse und mehreren Sorten Fleisch bestehen und in kleinen Keramik-Töpfchen mit Deckel serviert werden. Was uns dabei gar nicht gefallen hat: In jedem dieser Gerichte waren mit dem Fleisch auch der Knorpel und z. T. sogar Knochenstückchen reingeschnitten worden, was ich persöhnlich eher widerlich finde.
Im Lokal in Melnik allerdings gibt es – passend zur eher schon griechischen Musik – auch mazedoniche Spezialitäten. Wir probieren "Makedonska Gosba", und es ist ausgesprochen lecker. Dazu bestelle ich einen der Weine, für die Melnik bekannt ist – ist okay – und zum Nachtisch "Baklava", eine von Zucker und Fett triefende Teigrolle, wie man sie auch vom Türken kennt – ist gar nicht mal unlecker, aber eine heftige Kalorienbombe. 🙂

Danach, der Regen hat mittlerweile fast aufgehört, erkunden wir die kleine Stadt. In Melnik leben heute nur noch wenige hundert Menschen, aber Ende des 19. Jahrhunderts waren es mal 20.000. In jener Zeit staffelten sich die Häuser so dicht übereinander an den Berghängen, daß zwischen ihnen kaum zwei Lastesel aneinander vorbei paßten. Das läßt sich auch heute noch gut erkennen, wenn auch lange nicht mehr alle Häuser stehen.

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Wie überall laufen auch in Melnik Straßenhunde und solche, die einen Besitzer haben, im Ort herum. Einer von letzteren, ein weißer spitzartiger Hund, schließt sich uns an und bemüht sich, uns zu einem Spaziergang zu überreden, indem er uns in Richtung Wanderweg zum Kloster voranläuft, sobald wir andeutungsweise diese Richtung einschlagen. Immer wieder dreht er sich um, um zu schauen, ob wir ihm folgen, was wir auch eine Weile tun. Aber für einen längeren Spaziergang ist keine Zei mehr und wie kehren um. Daher geht auch Kilroy – so haben wir ihn für uns getauft – zurück in den Ort auf der Suche nach jemand anderem, der mitkommt.

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Für uns ist es höchste Zeit, weiterzufahren, um noch ein bißchen Strecke zu machen, ehe wir uns ein Hotel suchen. Wir staunen ein wenig über den Vorschlag unseres Navis – es geht wieder Richtung Roschinski-Kloster, und wir haben vorhin den Eindruck gehabt, daß die Straße dort endet, aber da wir vorhin das letzte Stück zum Kloster zu Fuß zurückgelegt haben, haben wir so genau ja nicht darauf geachtet. Oben angekommen jedoch sollen wir in etwas einbiegen, was möglicherweise zur Zeit des osmanischen Reiches mal eine Straße war und uns spontan zum Umkehren animiert. Immerhin sind wir aber auf diese Weise noch in den Genuß eines fantastischen Sandsteinfelsen-Panoramas gekommen, das uns sonst entgangen wäre.

 

Die laut Karte nächste Möglichkeit besteht aus einer Ansammlung von Schlaglöchern mit hier und da ein wenig Straße dazwichen. Auch hier verzichten wir lieber und entscheiden uns, die km-mäßig längere Strecke zu wählen, die jedoch auf der Karte als breitere Straße eingezeichnet ist.

Was wir vorfinden, ist zunächst eine Straße mit immerhin mehr Straße als Schlaglöchern. Hier kommen uns auch andere Fahrzeuge entgegen – sogar dicke Luxuskarossen einschlägiger deutscher Fabrikate, wie sie uns hier überall immer wieder sogar in heruntergekommenen Gegenden begegnen. Das läßt hoffen. Und tatsächlich wird die Fahrbahn fürs erste nicht schlimmer, und wir werden lediglich von einer ganz alleine nach Hause laufenden Ziegenherde, die von drei Schafen angeführt wird, aufgehalten und von großartigen Panoramen, die uns hin und wieder anhalten lassen. Dann aber geht es wieder mitten rein ins Piringebirge, und diesesmal geht es nicht auf gut ausgebauter Straße durch eine Schlucht, sondern auf einer von Schlaglöchern gezierten Asphaltpiste über einen geschätzte 1.500 m hohen Paß. Ein großteil der Strecke ist für Ausbesserungsarbeiten aufgerissen und nötigt uns, langsam und in Schlangenlinien zu fahren. Daß es direkt neben der Fahrbahn meist steil bergab geht, Leitplanken hier jedoch überwiegen für überflüssig erachtet werden, macht die Fahrt noch etwas abenteuerlicher. Ganz oben auf dem Paß sehen wir am Straßenrand zwei Welpen, die uns neugierig entgegenlaufen, als wir aussteigen. Wir ringen eine Weile mit uns, wie wir mit der Situation umgehen sollen, beschließen dann aber, die Kleinen zu lassen, wo sie sind. Sie sehen wohlgenährt aus und scheinen in einer Art Höhle unter Steinen zu leben. Tatsächlich begegnen uns nur ein-, zweihundert Meter weiter zwei erwachsene Straßenhunde, und noch ein Stück weiter kommen wir durch eine Ansiedlung.

Im weiteren Verlauf ist die Straße bereits ausgebessert. Trotzdem brauchen wir für die 68 km bis Gotse Deltschev insgesamt gut 2,5 Stunden. Die Fahrt durch die Stadt macht uns noch einmal auf erschütternde Weise deutlich, wie verbreitet die Armut hier ist, und wie perspektivlos es sein muß, hier aufzuwachsen. Es ist nicht erstaunlich, daß manche Menschen ihr Kind lieber in ein Kinderheim geben.

Da es jetzt schon so spät ist, beschließen wir, nicht mehr weiterzufahren, sondern uns hier eine Übernachtungsmöglichkeit zu suchen. Zuvor decken wir uns mit Wasser und Müsliriegeln für die morgige Fahrt ein (wir haben dafür die Wahl zwischen einem Lidl und einem Penny Markt). Das Hotel, das wir finden, liegt etwas außerhalb der Stadt und scheint abendlicher Treffpunkt der gehobenen Gesellschaft von Gotse Deltschev zu sein. Es gibt einen Pool und einen kleinen Bolzplatz, und auf der Terasse spielt bis Mitternacht laute Musik. Aber die Betten sind hier mal etwas breiter als 80 cm, und der Preis (40 Leva – also 20 EUR – ohne Frühstück für zwei Personen) ist absolut bezahlbar. Frühstück gibt es hier, wir schon im letzten Hotel, nicht automatisch.