5.Tag Bulgarien: Fahrt zum Batschkovski-Kloster, Ankunft in Plovdiv

(Nochmal von Karin, Dirk ist kopschmerzgeplagt.)

Wir kommen zu der Erkenntnis, daß Bulgarische Hotels zwei Gemeisamkeiten zu haben scheinen: Es gibt nicht automatisch Frühstück, und Duschen haben keinen Duschvorhang. (Das Hotel Niky, in dem wir in Sofia übernachtet haben, ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt, zurückzuführen vermutlich darauf, daß man sich in der Hauptstadt an ausländische Touristen angepaßt hat – dort gibt es sogar ein relativ vielseitiges Frühstücksbuffet.) In dem Hotel, in dem wir diesesmal übernachtet haben, fehlt nicht einfach nur der Vorhang vor der Duschnische – das Badezimmer ist die Dusche. Und Frühstück müssen wir extra bestellen, können es dafür aber auf der Terrasse am Pool einnehmen. Die Bulgaren zwei Tische weiter nehmen nur den landesüblichen herrlich kräftigen Kaffee zu sich.

Danach machen wir aber noch einen Abstecher zum Pennymarkt, um unsere Müsliriegel- und Brotvorräte wieder aufzustocken, die wir am Vorabend geplündert haben, statt essen zu gehen. In der Straße, an der der Supermarkt liegt, ist an der Seite ein Esel mit Karren geparkt. An der Tür des Pennymarktes weist ein Schild darauf hin, daß drinnen neben Hunden u. ä. auch Schußwaffen verboten sind.

Dann geht es endlich los in Richtung unseres nächsten Klosters und der Stadt Plovdiv. Klöster gehörten früher zu den wichtigsten kulturellen Zentren Bulgariens und spielten eine herausragende Rolle in der Zeit der sog. Bulgarischen Wiedergeburt. Vom kommunistischen Regime sind sie offenbar in Ruhe gelassen worden. Entsprechend weit oben stehen sie heute auf der Liste der zu besichtigenden Plätze. Zunächst aber sind wir ziemlich lange "on the road". Unser Weg führt uns durch das Phodopen-Gebirge. Anders als im mediterran angehauchten Pirin-Gebirge hat man hier das Gefühl, durch die Alpen zu fahren. Als wir in die ersten Ausläufer kommen, fallen uns Stapel von Steinplatten auf, die überall am Straßenrand stehen. Meist sind sie sehr ordentlich zu Würfeln auf Paletten gestapelt, einige zudem mit Plastik umhüllt. Das Bild begleitet uns noch eine ganze Weile durch die Rhodopen. Offensichtlich leben die Menschen hier davon, daß sie die dünnen Schichten der Felsen zu Platten aufbrechen. Weiter innerhalb des Gebirges sehen wir verstreut einzelne kleine Äcker, zu denen die Besitzer, Pächter oder was auch immer sie sind mit ihrem Auto oder auch mal einem Pferde- oder Eselkarren aus der relativ weit entfernten Stadt oder Ortschaft gefahren kommen, um ihren Acker zu bestellen und zu pflegen.

Je näher wir Shiroka Laka kommen, desto mehr werden die kleinen Äcker vom Bohnenanbau dominiert. Shiroka Laka ist eine in weiten Teilen unter Denkmalschutz stehende kleine Stadt, deren Häuser sich eng an die Hänge eines engen Tals schmiegen. Wir genießen den Anblick jedoch nur beim langsamen Hindurchfahren, denn bis Plovdiv und dem Kloster ist es noch eine erhebliche Strecke. Alles geht leider nicht – wir haben unsere Liste der zu besichtigenden Orte, die wir schon in Marburg in einem Anfall von Realismus erheblich eingedampft hatten, unter dem Eindruck der Reisegeschwindigkeit auf hiesigen Straßen noch mal um einiges zusammengestrichen. Kurz hinter Shiroka Laka nehmen wir einen freundlichen älteren Mann mit. Mein Versuch, ihm mit Hilfe des Wörterbuchs zu erzählen, daß die Landschaft schön ist, schlägt völlig fehl – er hat keine Ahnung, was ich meine – aber freut sich trotzdem, ein Stück mit uns zu fahren.

In Pamporovo, einem der zwei bekanntesten Wintersportorte Bulgariens, machen wir mittags Halt, um etwas zu Essen. Überwiegend besteht der Ort aus fertiggestellten Hotels, solchen, die im Entstehen begriffen sind, und Bauruinen, die mittendrin aufgegeben wurden (ein Phänomen, auf das wir überall gestoßen sind – seien es Hotels, Arpartmenthäuser oder Bürogebäude). Eine Abwechslung in der Architektur ist eine Ansammlung kleiner dreieckiger Einzelhäuschen mit bis auf den Boden reichendem Blechdach. (Für Mama und Vati und Tim: Wie lauter Gartower Häuser im Kleinformat, nur mit Blech- statt Reeddach.)

Danach geht es aus einer Höhe von 1650 m wieder nach unten. In den Ortschaften und auch ein ganzes Stück außerhalb kommen wir immer wieder an Ständen vorbei, an denen eine große Auswahl an Honig verkauft wird. Solche Stände waren uns zwar auch schon vorher aufgefallen, aber hier kommen sie noch viel häufiger vor. Wir fragen uns, wieviel Geld die einsame Person, die jeweils an dem Stand sitzt, mit dem Verkauf wohl machen kann, wenn nur hin und wieder ein Auto vorbeikommt, von denen nur ein Bruchteil hält um Honig zu kaufen (und dann natürlich an den folgenden 20 Ständen vorbeifährt, ohne einen Lev zu hinterlassen).

Unser Weg führt uns jetzt für die nächsten 35 bis 40 km durch ein endlos sich windendes enges Tal zwischen steilen Felsen – beeindruckend zunächst, aber mit der Zeit wird es doch etwas eintönig. Hin und wieder kommen wir durch einen Ort mit den Häusern im üblichen Zustand der Vernachlässigung, gelegentlich mit verfallenden Industrieanlagen aus Kombinatszeiten. Wer hier lebt, so scheint uns, ist bestraft.

Schließlich kommen wir aber doch beim Batschkovski-Kloster an. Nur 28 km von Plovdiv entfernt, ist es ein touristischer Anlaufpunkt. Entsprechend ist der Weg, den wir vom Parkplatz hinauf gehen, von Souvenierständen gesäumt. Der Komplex selber unterscheidet sich nicht so wesentlich vom Rilski-Kloster, ist nur weniger gut in Schuß. Die Wandmalereien in der mittig gelegenen Kirche sind vom Ruß der zahllosen Kerzen, die dort von den meisten Besuchern entzündet werden, so geschwärzt, daß man schon ganz genau hinsehen muß, um zu erkennen, daß sie überhaupt existieren.

Während wir das ansehen, was noch zu erkennen ist, tritt eine alter Pope auf uns zu und drückt mir freundlich lächelnd ein Blatt von irgend einer Pflanze in die Hand. Er spricht zwar nicht wirklich Englisch oder Deutsch, aber wir verstehen trotzdem, daß er nach unserer Nationalität fragt. Als er erfährt, daß wir aus Deutschland sind, sagt er irgend etwas von "deutschem Salat", strahlt uns noch mal freundlich an und geht zurück zu seinem Stuhl. Kurz darauf winkt er mir zu, ich solle zu ihm kommen, und drückt mir eine schrecklich kitschige kleine Plastik-Ikone im Visitenkartenformat von der Jungfrau Maria in die Hand.
Nach einiger Zeit sehe ich ihn von einem Blumenstrauß eine Rose abpflücken. Ich mache Dirk darauf aufmerksam, daß der nette alte Herr gerade wieder einen Besucher mit einem Pflänzchen begrüßen will – aber die Rose ist auch noch für mich! Ich bedanke mich noch einmal herzlich mit dem landesüblichen "Merci", dann holen wir zwei Kerzen, um als Gegengeste zum endgültigen Verschwinden der Fresken beizutragen. (Im Roschinski-Kloster z. B. darf man Kerzen nur noch unter einem extra dafür eingerichteten Abzug entzünden – und kann dafür die Heiligen an der Wand noch sehen.) Mit dem Blatt und der Rose schmücke ich später das Tor zu einer weiteren Kirche des Klosters; die kleine Ikone behalte ich als Erinnerung.

Neben der zugeräucherten Kirche gibt es noch ein Museum zu besichtigen und das ehemalige Refaktorium nebst Küche. Außer uns geht da aber niemand hin, wahrscheinlich, weil dieser Teil Eintritt kostet. Dabei lohnt sich der Speisesaal, denn er ist ebenfalls bis unter die Decke mit biblischen Szenen ausgemalt, die die Gedanken der Mönche während des Essens beim Wesentlichen halten sollten (und die man, da hier nicht die ganze Zeit Kerzen brannten und der Raum sicher auch besser belüftet war, tatsächlich auch erkennen kann…)

Nun geht es auf die letzte, kurze Etappe des heutigen Tages: nach Plovdiv. Vom langen Autofahren sind wir ganz schön müde. Da wir mit dem Tip unseres Reiseführers hinsichtlich des Hotels in Sofia gut gefahren sind, greifen wir auch jetzt auf einen seiner Vorschläge zurück. Unser Auto parken wir in einer Straße ganz in der Nähe. Die Rezeptionistin erklärt uns auf unser Fragen, daß man für das Parken bei einem dort herumlaufenden Mann bezahlt. Ah ja, das kennen wir von Sofia! Daß der Typ, dem wir das Geld geben, keine offiziell wirkende Weste trägt und uns auch kein Ticket gibt, daß hinter Windschutzscheibe gelegt wird, kommt uns schon etwas spanisch vor, aber wir sind müde und der freundliche junge Mann wirkt irgendwie überzeugend.

Anschließend bringt er uns gegen ein Trinkgeld noch die Koffer in die Hotelrezeption. Dort machen wir unseren zweiten Fehler: Wir geben einem ziemlich offensiv bettelnden Mann zwei Leva. Seitem haben wir ihn an der Backe, sobald wir in der näheren Umgebung des Hotels sind. Im Übrigen stellen wir fest, daß das wohl nicht mehr das vom Reiseführer als komfortabel empfohlene Hotel ist. Das zugehörige Restaurant mit bulgarischen Spezialitäten gibt es nicht mehr, Frühstück gibt es nicht mal, wenn man es extra bestellt – man muß sich das irgendwo anders suchen – und die Minibar ist leer und riecht muffig.
Ach übrigens: Das Badezimmer ist eine Duschkabine mit Waschbecken und Klo. Wir hatten recht mit unsere Vermutung von heute morgen. 🙂

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